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Satire 07/09

Der arme Pingu

0709sapinguin.jpgRutschen wir mal paar Tage zurück: 1912. An Bord der Titanic. Irgendwo im Eismeer.  Dort ertönte seinerzeit eine Lautsprecherstimme: „Alle Passagiere in die Boote. Alle Passagiere...“ Kam damals auch nur EINE weibliche Passagierin auf den Gedanken, dass SIE damit nicht gemeint sein könnte??? Kaum..., oder...?
Trotzdem würde die Ansage heute anders ausfallen. Korrekter. „Alle Passagierinnen und Passagiere, Kinderinnen, Kinder, Gästinnen, Gäste, Engländerinnen und Eng­länder, Deutschinnen und Deutsche...“ Weiter wäre der Ansager nicht gekommen. Gluck, gluck!
Aber immerhin wären seine letzten Worte modern, respektvoll und vor allem korrekt gewesen. So, wie das neuerdings im deut­schen Sprachraum üblich ist. Dort werden nämlich auf Versammlungen und in Zeitungen Männlein und Weiblein nicht mehr über einen glitschigen Kamm geschoren. Warum? Weil Berufsfrauen und Diplom-Anschleimer ganz richtig meinen, Frauen sollte man als Frauen ansprechen und nicht nur als Menschen.
Und mal ehrlich: Klingt doch politisch auch besser, nicht nur von Arbeitslosen und Obdachlosen, sondern von Arbeitslosinnen und Obdachlosinnen zu sprechen. Dann ist es auch für eine Gesellschaft keine Schande mehr, dass es so etwas überhaupt gibt. Wenn es nämlich solche bedauernswerten Schicksale nicht gäbe, würden die Ge­beu­teltinnen nicht in den Genuss dieser höf­lichen Wortschöpfung kommen.
So verwundert es auch nicht, dass die bes­ten Verbalerfindungen von unseren fleißigen Politikern kommen. Kostet ja nix! An erster Stelle ist da der begnadete Christian Wulf zu nennen, der niedersächsische Landesvater-Darsteller. Auf einer Großkapital­versammlung mit keiner einzigen Frau in der Runde sprach er von den verehrten „Un­ternehmerinnen und Unternehmern, Aktionärinnen und Aktionären“ und Ge-­rüch­ten zufolge auch von Insolventinnen und er soll sogar Skeptikerinnen gewarnt haben.
Respekt! Da verzichten Frauen gerne auf solche Kinkerlitzchen wie gleiches Geld und gleiche Rechte.
Wenn das Columbus damals geahnt hätte! Mit der höflichen Anrede „Liebe Rothäutinnen und Rothäute“ wären die Indianer vor Freude ganz aus dem Wigwamchen gewesen und die Spanier hätten ihnen viel respekt­voller Gold und Land stehlen können. So hätten einige Bleichgesichtinnen und Bleichgesichter ihr wichtigstes Kleidungs­stück – die Kopfhaut –  behalten.

Wo Columbus zu wenig vorpreschte, verhaspeln sich heutzutage manche Männer vor Übereifer. Fast wie der eine oder andere Scheich, der die Vielweiberei bis zur Bigamie treibt, tun einige meiner Ge­schlechtsgenossen vor lauter Anbiederung ans weibliche Geschlecht des Guten zu viel. Auf einer meiner häufigen Partybesuche – sie sind so häufig wie Beamtenschweiß – traf ich mal eine Freundin. Susi. Sie hatte einen neuen Freund, mit dem sie eine lebensähnliche Gemeinschaft führte. Jener Freund überschlug sich vor „Liebe-Gästinnen-und-Gäste-Getue“ geradezu. „Du hast ja einen richtig metereologischen Freund“, sagte ich zu Susi, der Pechvogelin. „Du meinst, einen stürmischen Liebhaber?“, fragte sie geschmeichelt. „Nein, einen windigen Typen“, verbesserte ich. Kurz darauf kam sogar noch Vergnügen auf, als ich ihren Freund darauf aufmerksam machte, dass nicht alles, was mit „-in“ endet, die höfliche feminine Anrede ist und er sich vor Begriffen wie „Trampolin, Urin, Heroin oder Pinguin“ hüten solle. Die Freude über diesen Kalauer fuhr ihm direkt in die Faust. Ich kam aber mit einem blauen Auge davon, das er mir schlug, was dann eine heilsame Wirkung auf meine Hinterbeine ausübte.

Eins muss man den gebildeten Menschinnen und Menschen mit der Endungs-in-Neurose aber lassen: Sie sind bewunderns­wert korrekt. Logisch, dass in mir etwas nagte: der Wurm des schlechten Gewissens. Warum? Weil ich den Frauen so viel Grips zutraue, dass sie glauben, auch sie seien gemeint, wenn ich „Liebe Leser“ schreibe. Und weil ich nicht so korrekt bin. Das heißt: nicht so korrekt war! Ich habe es jetzt geändert. Mein Neffe Tobias und ich haben immer gerne „Dame“ gespielt. Dame! Klingelt’s bei Ihnen? Eindeutig diskriminierend, der Name. Noch dazu, wo es darum geht, über SCHWARZE Figurinnen und Figuren zu springen. Also haben wir dem Brettspiel einen neuen Namen gegeben. Tobias schlug zunächst „Uhura aus der Sansy-Bar“ vor. Ha, ha, ha! Noch schlimmer. Geht gar nicht. Wir einigten uns schließlich auf „Mghpf“. Ist vielleicht nicht schön, aber korrekt und unverdächtig.
Komisch ist nur, dass Frauen angesichts der alltäglichen Heuchelei – Stichwort: wenig Lohn, dafür gute Worte – nicht mal zurückschlagen. Noch komischer ist es, dass sie gegenüber der Männerwelt sogar Wunder vollbringen. Ich habe von so einem Fall gelesen. Da hat eine Frau nicht gerade wie Jesus gewundert, der Kranke geheilt und Hungernde gesättigt hat. Aber immerhin hat sie einen Tauben sehend, einen Blinden hörig und einen Reichen arm gemacht.

Klaus-Dieter S.

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