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Mein Freund Gottfried hatte Geburtstag und ich organisierte für ihn einen Fackelzug. Das heißt: vielleicht nicht direkt einen ganzen Zug. Er bestand aus mir alleine. Und bei genauer Betrachtungsweise bestand die Fackel auch aus einem einzigen Streichholz. Aber immerhin brüllte ich: „Glückwunsch! Schöner Tag heute!“
Er: „Jeder Tag über der Erde ist ein guter Tag.“
Ich: „Ich krieg die Motten!“
Unfassbar!!! Und ich wusste: mit meinem Fackelzug für Arme lag ich genau richtig! Wieso? Weil die Ansprüche nicht mehr das sind, was sie mal waren. Reicht heute schon, wenn man noch die Radieschen von oben sieht. Das wurde bei meiner nächsten Frage noch klarer: „Wo ist denn Sabine?“
„Weg. Vier Wochen vor dem Wiener Opernball meinte sie, ich könnte sie auch mal an einen Ort ausführen, wo es richtig teuer ist. Sie hat sich schön angezogen und ich hab sie mit zur Tankstelle genommen.“
Nobel von ihm. Versteh’ einer die Frauen und ihre überzogenen Ansprüche. Darf’s vielleicht noch ein Aquarium mit echtem Goldfisch sein? Wir Männer sind bescheidener.
„Wovon träumen Tausende von Männern?“, habe ich kürzlich in der Fernsehwerbung gehört. Frauen? Autos? Nachts in der Brauerei eingeschlossen werden? Nix da! „Einfach mal weniger pinkeln müssen“. Das lässt schon das Glückshormon, das Glüxolin, sprudeln.
Jetzt werden vielleicht einige fragen: „Moment..., was soll es denn sonst noch an Bedürfnissen geben?“ Gute Frage. Da müssen wir auf uralte Weltliteratur zurück greifen. Schiller. „Die Räuber“, zweiter Akt, dritte Szene. Räuber Spiegelberg: „Ich hasse dieses diem perdidi. Den ganzen Tag noch keine Patrone verschossen.“ Damals sprachen die Kriminellen noch Latein. Auch wenn sie keinen weißen Kittel trugen. Jedenfalls: „Diem perdidi“ heißt „Ich habe einen Tag verloren“ und der Räuber bedauert, den ganzen lieben langen Tag noch niemanden abgemurkst zu haben. Das waren noch Ansprüche!
Oder in der Musik. John Lennon sang 1969 „Give Peach A Chance“, also „Gib dem Pfirsich eine Chance“. Das hatte was Forderndes.
Das war mal. Heute sind die Menschen mit wenig zufrieden. Auch, was ihren Unterschlupf betrifft. Zu einer kleinen Schachtel sagt der Bayer „des is a Kastl“. Daraus hat der Engländer – bei manchen auch als Inselbayer bekannt – eine Redewendung entwickelt: „My Home Is Mei Kastl“. „Meine Schachtel ist mein Zuhause“. Gehts noch anspruchsloser? Es geht. Bei mir. Ich brauche fast nix. Nur paar Kleinigkeiten. Alles Original-Angebote aus der Zeitung. Fürs Feuerholz vielleicht eine einfache – „darin fühlt sich das Kaminholz wohl“ – fast umsonstene Edelstahlablage. Nichts ist so traurig wie Brennholz, das in einem billigen Bastkorb auf das Streichholz wartet.
Oder eine beleuchtete Toilettenbrille. Wie oft setzt man sich daneben?! Außerdem ist es ein Sonderangebot. Da gibts nur eins: zugrapschen!

Noch weniger als ich braucht nur mein Hund. Ein kleines Diadem für lächerliche 60 Euro, und schon ist er der glücklichste Hund der Welt. Für drei Minuten. Während er es zernagt.
Wenn auch die materiellen Ansprüche beim modernen Menschen grundsätzlich niedrig sind – fünf Mahlzeiten am Tag, drei Mobiltelefone und fünf Flugreisen jährlich reichen schon –, so sind sie es im intellektuellen Bereich nicht. Und das ist gut. Zum Beispiel bei Ausreden. Chef: „Warum zum Teufel kommen Sie dauernd spät zur Arbeit?“ Lehrling: „Imponderabilien!“ Alle Achtung! Heißt übersetzt „Unwägbarkeiten“ und hört sich wesentlich besser an als „Zu dämlich, den Wecker zu stellen“.
Ungerecht ist es allerdings, dass der mo-derne Mensch in die Anspruchsfalle tappen kann. Vor allem Jugendliche. Bereits im Kreißsaal wird dem Nachwuchs mittels einer Alu-Blindniete das Handy ans Ohr genietet. Und warum? Weil das Telefonieren billig ist. „Billig“ ist nämlich der aktuelle Anspruch schlechthin. Was kein Mensch voraussehen kann, ist nur dies: Wenn ein Kind seine Füße hundertmal in den kalten Schnee hält..., kalt bleibt kalt. Wenn es aber hundertmal billig telefoniert? Hundertmal billig ist teuer. Das ist schlimm und keiner sagts Julian Leon oder Lea Chantal.
Da ist es mal gut, dass wenigstens unsere Haustiere anspruchsmäßig durchblicken. Sogar das Pferd weiß, was es will:
Das größte Glück der Pferde
ist der Reiter auf der Erde.
Und die Tiere im Zoo?
Der Tiger grinst vergnügt,
obwohl der Wärter schwer
im Magen liegt.
Jochen Krenz
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