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Immer häufiger bietet sich in der Algarve der Anblick einer
kanarischen Dattelpalme mit schlaff nach unten hängenden graubraunen Fiederblättern. Wie ein halb zugeklappter Schirm sehen die traurigen Gestalten aus, alle federnde Eleganz der langen Wedel ist dahin
Und es gibt in der Tat keine Hoffnung mehr für die solcherart Zugerichteten. Ursache ist ein rotbrauner Käfer, der eine Vorliebe für Palmenherzen hat: Rhynchophorus ferrugi-neus. Er pflegt seine Eier ins Palmeninnere zu deponieren, und die Larven fressen sich dann genussvoll durch das zarte Palmenmark, bis sie sich, in einen Kokon aus Palmenfasern gewickelt, verpuppen. Wenn die Palme abgestorben ist, wandern die Schädlinge zum nächsten Exemplar.
Einer Palme ist nicht mehr zu helfen, wenn sie vom Käfer befallen ist. Das liegt an ihrem Bauplan: Sie hat nur einen einzigen Haupttrieb, und wenn der zerstört ist, kann kein Seitentrieb die Führung übernehmen, wie das etwa bei einem Baum der Fall ist. Eine Zerstörung des Sprosses ist das Todesurteil für die Palme.
Das Gemeine ist nur, dass man es der Palme nicht ansieht, wenn in ihrem Herzen schon das Unheil wütet. Die Symptome zeigen sich erst, wenn es in der Regel bereits zu spät für Rettungsmaßnahmen ist. Und eine befriedigende präventive Behandlung ist im Moment noch nicht in Sicht. Zwar finden sich im Internet alle möglichen Namen chemischer Verbindungen, die als vorbeugende Spritzung empfohlen werden, über die Zuverlässigkeit solcher Maßnahmen bestehen allerdings erhebliche Zweifel. Zumal die korrekte Applikation der Flüssigkeiten, wie sie von den ratgebenden Stellen verlangt wird, schwierig zu bewerkstelligen sein dürfte. Wie schafft es der kleine Gärtner bei einer erwachsenen Dattelpalme, den Schopf und oberen Teil des Stammes so gründlich zu befeuchten, dass das Mittel in sämtliche Ritzen und Winkel und eventuell schon bestehede Fraßgänge eindringen kann? Gar nicht. Er muss professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, und ob die diese Aufgabe wirklich lösen kann, sei dahingestellt. Die Kosten einer solchen Aktion “die nicht einmal Erfolgsgarantie bietet“ dürften deutlich sein.
Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen muss der Gartenbesitzer allerdings auch, wenn es bereits zum traurigen Todesfall gekommen sein sollte. Die Palme ist fachgerecht zu entsorgen, das heißt sie muss gehäckselt und verbrannt werden, um die Vernichtung der Palmenschädlinge sicherzustellen und ihre weitere Verbreitung zu verhindern.
Zum Thema Vorbeugung sei noch angemerkt, dass die Käfer wohl durch den Geruch des Saftes der Palmen angelockt werden können. In spanischen Internet-Seiten wird deshalb empfohlen, das Abschneiden der Palmblätter, wenn überhaupt, dann in den Wintermonaten Dezember, Januar, Februar durchzuführen, wenn die Aktivität der Insekten generell reduziert ist. Die Schnittflächen sollte man mit Baumwachs gut verschließen.
Eine marokkanische Arbeit untersuchte den Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Käfers und der Art der Bewässerung in der Umgebung befallener Palmen. Sie kommt zu dem vorläufigen Schluss, dass eine feuchte Umgebung das Überleben der Tiere und damit ihre Ausbreitung begünstigt. Da das Tierlein einen zarten Panzer hat, der in heißem Klima relativ schnell austrocknen kann, ist es auf feuchten Boden angewiesen, in den es sich mit großer Energie hineinzubohren weiß. Die Untersuchungen in dieser Richtung sind zwar noch nicht abgeschlossen, aber man sollte als Eigentümer von eingewachsenen Phönixpalmen vielleicht tatsächlich über den Feuchtigkeitspegel in der Palmenumgebung nachdenken.
Der Käfer ist ein echter "global player". Ursprünglich aus Asien stammend, schaffte er es 1995, von Afrika kommend, in Andalusien einzuziehen, tauchte 2004 in Valencia auf und landete 2006 auf den Kanaren. Eine Seitenlinie verirrte sich leider auch nach Westen, in die Algarve, wo er sichtbar seine Arbeit aufnahm.
Wünschenswert wäre eine systematische Kontrolle und Kartierung des Käferbefalls an zentraler Stelle, um Ausbreitungsrichtung und -geschwindigkeit beobachten zu können.
Der Palmenboom der letzten Jahre bescherte uns palmengesäumte Uferpromenaden, Straßen, Plätze, Gärten. Große Exemplare standen plötzlich wie über Nacht gewachsen und reckten einen zusammengebundenen Schopf in den Himmel, bis sich ihre Wurzel in der neuen Umgebung so fest verankert hatten, dass ihre Blätterfieder dem Wind ausgesetzt werden konnten. Sehr viele dieser Palmen sind Phönixarten. Eine erschreckende Vorstellung, dass eine Käferarmada diese Pflanzungen systematisch aufrollen könnte. Eine besonders traurige Vorstellung aber auch, dass die Einzelexemplare, die es schon lange in der Algarve gibt und die in vielen Jahren nach und nach aus kleinen Setzlingen herangewachsen sind, als Familien- oder Hausbaum, nun auch gefährdet sein sollen.
Wer seinen Garten neu anlegt und auf große Palmen nicht verzichten möchte, findet im Handel geprüfte zertifizierte Stücke. Das Ansteckungsrisiko aus einer phönixbestandenen Nachbarschaft bleibt aber dennoch. Bis jetzt hat sich der Gourmetkäfer auf Phönixarten spezialisiert, insbesondere Phönix canariensis und dactylifera. Man könnte bei der Gartengestaltung also auf andere Palmenfamilien ausweichen: die fächerblättrige Washingtonia, die elegante "falsche Kokospalme" Arecastrum romanzoffianum, die australische Archontophoenix, die südamerikanische Roystonia regia, die asiatische Hanfpalme Trachycarpus fortunei. Wer sich auf Bodenständiges, im wahrsten Sinne des Wortes, besinnen möchte, der wende sich der einheimischen Zwergpalme Chamaerops humilis zu, die zwar keine beeindruckenden Repräsentationsgrößen mit Fernwirkung erreicht, dafür aber in der Lage ist, unter ärmsten Bodenverhältnissen zu existieren. Vielleicht ist sie dem Käfer deshalb zu zäh. Garantien gibt es allerdings keine. Es sollen vereinzelt Rhynchophorusexemplare auch in Washingtonias gesichtet worden sein, und man sagt den gefräßigen Käfern nach, dass sie sogar Agaven und Zuckerrohr nicht verschmähen. Wer weiß, wie sich ihr Geschmack noch entwickelt.
Text: Marie Giering
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