| Februar 2012 |
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Morbus Veritas |
Alljährlich wird sie prämiert. Die beste deutsche Schlagzeile des Jahres.Im letzten Jahr bekam sie die „taz“. Weil sie etwas enthüllt hat. Etwas ganz Seltenes. Geradezu Schreckliches. Etwa „Beamtenschweiß in Brüssel entdeckt“? Nein. Oder: „Papst auf Erdnuss getreten“? Auch nicht. Schlimmer: „Brüderle bei Ehrlichkeit ertappt“, hieß die Überschrift. Sensation. Was war passiert? Der damalige Wirtschaftsminister hatte versehentlich und ohne Rotweineinfluss die Wahrheit gesagt. Hätte ihn um Flohhaaresbreite den Job gekostet. Wie es ein Jahr vorher dem Bundespräsidenten passiert war. In diesem Zusammenhang darf man die Präsidenten jetzt aber nicht verwechseln. 2010 musste der Präsident zurücktreten, weil er die Wahrheit sprach. 2011 sollte sein Nachfolger zurücktreten, weil er angeblich nicht die Wahrheit sprach. Dem Volk kann man’s einfach nicht recht machen. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls könnte man meinen, die Wahrheit sei ein seltenes Gut. Falsch wie die beiden besten Freunde von Pamela Anderson. Die krankhafte Wahrheitsliebe, auch Brüderle-Syndrom oder Morbus veritas genannt, ist im Gegenteil weit verbreitet. Darunter leiden erstaunlich viele Menschen. Zu allererst natürlich der Klerus. Das beweist eine Anekdote: Im Flugzeug von Zürich nach Frankfurt spricht eine ältere Dame einen neben ihr sitzenden Pfarrer an: „Ich habe meine Ersparnisse dabei, darf aber nicht so viel Bargeld importieren. Würden Sie das Geld mit durch den Zoll nehmen?“ Dem Pfarrer tut die Frau leid, also nimmt er zwei Bündel Geld und klemmt sie sich unter die Achseln. Beim Zoll wird er gefragt: „Haben Sie Devisen?“ „Ja. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und…“ „Ich meine, haben Sie Bargeld?“ „Geld? Das hab’ ich unter den Armen verteilt.“ „Sie sind ein guter Mensch, Hochwürdigkeit. Entschuldigen Sie die Belästigung.“ Nun ist der Seelenhirte aber beileibe nicht der Einzige, der vom Wahrheitsvirus befallen ist. Wie der Schäfer, so der Hammel. Oder die Hammelin. Ich selbst habe so einen Fall erlebt. Bei meiner Tante. Sie ist ein wenig füllig. Wohlwollend ausgedrückt. Am Telefon meinte sie: „Letzte Woche habe ich fünf Kilo abgenommen.“ Paar Tage später traf ich sie. Schwerer als je zuvor. Sah trotz eines vorteilhaften spinnaker-ähnlichen Kleides aus wie ein Hippopotamus für Arme. „Ich denke, du hast fünf Kilo abgenommen?“ „Ja. Wäsche. Von der Leine. Denkst du, ich lüge??? Wie kann man so blöd sein, das anders zu verstehen?“ Recht hat sie! Und was ihr Gewicht betrifft: da folgt sie nur der medizinischen Wahrheit ihres Arztes. Der hatte ihr aufgeschrieben, sie solle Schweinefleisch nur noch in Maßen essen. Bedauerlicherweise, weil wichtig (!), in Großbuchstaben. „…IN MASSEN ESSEN !!!“ ![]() Da hat sie nun ein Problem: „Vor dem Problem stand William Shakespeare schon vor vierhundert Jahren“, meinte sie, „Schwein oder nicht Schwein, das ist hier die Frage?“ „Hat der nicht in Englisch gesagt ’…to be or not to be…’?“ „Quatsch! ’Toby or not Toby’ hat er gesagt. „Hä???“ „Ja, weil sein Schwein Toby hieß!“ Aha! Da muss jetzt wohl die Geschichte neu geschrieben werden. Auch die deutsche Geschichte. Neuerdings wird nämlich behauptet, sogar Walter Ulbricht habe das Wahrheitsserum schaufelweise genascht. Auch 1961. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“, brüllte er damals, was vom Westen jahrelang als historische Lüge gebrandmarkt wurde. Erst jetzt wurde die Sache ins rechte und linke Licht gerückt. Zeugen behaupten, dass Ulbricht den Mauer-Maurern am Tag nach seiner Rede einen Mann vorstellte: „Dies ist euer Bauleiter, Held des Arbeitenlassens, der Genosse Werner Niemand.“ Aber nicht nur in der Politik, auch im alltäglichen Leben greift das Wahrheitsvirus bedenklich um sich. Kürzlich wurde ich zu einem Galadinner eingeladen. „Speisen wie die Fürsten“, stand auf der Einladung. Es gab für jeden Gast einen Bismarck-Hering. „Was für Fürst von Bismarck gut genug war, sollte auch uns adeln.“ Genau! Die Wahrheit ist gut und schön, nutzt aber nichts, wenn man sie nicht ausspricht. Also: immer raus damit! Ausposaunen! Den Leuten zeigen, wie der Opa den Zwieback lutscht. So, wie mir das ein Einheimischer bei einem Türkei-Urlaub zeigte. „Wo wohnst du?“, fragte er. „Portugal. Kennst du das?“ „Klar, blöde Frage. Liegt in Dänemark, am Fuße des Kilimandscharo, da wo der Amazonas ins Rote Meer fließt. Einen anderen Fall gibt es, da darf man sogar von übertriebener Wahrheitsliebe sprechen. Eine Apotheke. Kunde: „Haben Sie was für Grippe?“ Apothekenhelfer: „Nee. Ham wir nich!“ Der Kunde geht, der Chef tobt. „Moooment“, meint der Gehilfe, „wir sollen doch ehrlich sein. Wir haben ja nichts für Grippe, nur dagegen.“ So wurde der Junge zum ehrlichsten Apotheker der Stadt. Und zum pleitesten. Text: Jochen Krenz Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. |
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